Rezension Recherche D

In der alternativen Opposition müssen dringend Wirtschaftsfragen diskutiert und alternative Wirtschaftkonzepte erarbeitet werden. Die seit einem Jahr in Dresden erscheinende Zeitschrift Recherche D leistet dazu wichtige Beiträge und wir möchten sie daher empfehlen. Wir übernehmen hier eine Rezension aus Journalistenwatch und haben diese Rezension mit Einverständnis des Autors vor allem um Hinweise auf die inzwischen erschienen Hefte 5 und 6 ergänzt.

Verstehende Nationalökonomie setzt auf evolutionären Sinn statt Zahlenzauber. Recherche D – Zeitschrift einer „Denkfabrik für Wirtschaftskultur“

Seit dem Sommer 2018 ist eine neue, alternative Wirtschaftszeitung auf dem Markt. Inzwischen liegen sechs Hefte von Recherche D vor.

Der Herausgeber, Felix Menzel; schrieb im Leitwort zum ersten Heft, die „Denkfabrik für Wirtschaftskultur […] soll informieren, Anstöße geben und diejenigen beraten, die bodenständig, konstruktiv und innovativ für Deutschland arbeiten.“ Man wolle „die politischen und ökonomischen Alternativen im 21. Jahrhundert bei den kleinen, vielfältigen Ansätzen suchen“ und dabei „ökologischer als die Grünen, sozialer als die SPD, konservativer als die CDU, freiheitlicher als die FDP und alternativer als die AfD“ sein. (Ausgabe 1, S. 3) Das ist sehr anspruchsvoll. Auch wenn dieser Anspruch wohl letztlich immer nur angestrebt, aber nicht wirklich er- und ausgefüllt werden kann: Eine solche Wirtschaftszeitschrift ist zweifellos ein Gewinn. Wirtschaftliche und soziale Probleme vor allem des Mittelstandes und der Regionen haben in der deutschen Politik offensichtlich einen zu geringen Stellenwert. Darauf wurde auch im letzten Mittelschichtsbericht der Konrad-Adenauer-Stiftung hingewiesen[1] – sehr vorsichtig, versteht sich, damit man auch sagen kann, es so nicht gemeint zu haben. Aber daß der Staat vor allem den Mittelstand schröpft, ist ein hartes Faktum und nicht zu leugnen.

Die Süddeutsche Zeitung, die man ja wohl kaum der Apologetik des Kapitalismus zeihen kann, kommt zu dem Schluß: Die Wirtschaft erwarte von der CDU aufgrund langjähriger negativer Erfahrungen „wenig bis gar nichts. Man kann das eine fristlose Kündigung nennen.“

Auch bei der alternativen Opposition gibt es in Fragen Mittelstandspolitik einen erheblichen Nachholbedarf, was umsomehr verwundert, da sie sich doch ursprünglich aufgrund gravierender finanzwirtschaftlicher Probleme – Euro, Finanzkrise, Staatsverschuldung – schließlich politisch etabliert hat. Es sind politisch handhabbare wirtschaftliche und soziale Konzepte zu entwickeln. Daß das schwierig ist, liegt wohl auch daran, daß da unterschiedliche soziale Gruppen mit unterschiedlichen Interessen zusammenkommen, die nicht leicht unter einen Hut zu bringen sind. So sind etwa die Interessen des mittelständischen Bürgertums an einer Steuerreform wie auch an der notwendigen Reform der Sozialversicherung verschieden von jenen der abhängig Beschäftigten.

Die Beiträge sind in Recherche D nach drei Rubriken geordnet: Nation, Fundament, Betrieb. Sicher wären auch andere Rubrizierungen denkbar, aber zur Orientierung der Leser mit gewiß unterschiedlichen Interessen ist diese durchaus sinnvoll.

Nation

Hier stehen Beiträge, die grundsätzliche volkswirtschaftliche und weltwirtschaftliche Konzepte politischen Handelns zu entwickeln suchen. Programmatisch ist der einleitende Text des Herausgebers „Vom Globalkapitalismus zur nachbarschaftlichen Marktwirtschaft“ (Ausgabe 1, S. 6-10). Es gibt keine Weltformel für den wirtschaftlichen Erfolg. Eine undifferenzierte Orientierung auf Globalisierung, Weltmarkt und Freihandel ist ebenso unangebracht wie nationalegoistischer Protektionismus und Zollbarrieren nach dem Prinzip „wie du mir – so ich dir.“ Es sind grade die Unterschiede, die den Beitrag der einzelnen Länder zum Weltmarkt wie deren nationale Eigenheit interessant und schützenswert machen.[2] „Wenn sehr unterschiedliche Wirtschaftskulturen gleichzeitig erfolgreich sein können, so ist dies aber eine mehr als positive Nachricht, da sie bedeutet, daß wir die Wirtschaft nach unseren individuellen Bedürfnissen einrichten können.“ Daher orientiert Felix Menzel auf die „Stärkung des nachbarschaftlichen Prinzips, d.h. der erlebbaren Gemeinschaft, Solidarität, des Wettbewerbs der Kooperation, gemeinsamen Finanzierung und Hilfe in Notlagen vor Ort, als ein notwendiges Gegengewicht zur Globalisierung“. (Ebd., S. 8, 10) Marcus Hering verwies dazu in einem Interview (Ausgabe 5, S. 40-43) auf die traditionellen Erfolgswerte der chinesischen Wirtschaftskultur: Bildung und Familie. In einem Interview meinte Gregor Gysi, es sähe so aus, als ob die Mauer noch stehe (Ausgabe 6, S. 20-21).

Staatsschulden (Ausgabe 1, S. 11; Ausgabe 2, S. 51-52), Handelsstreit zwischen Europa und den USA (Ausgabe 2, S. 34-37), Migration und Sozialsystem (Ausgabe 1, S. 20-22; Ausgabe 2, S. 48-50; Ausgabe 3, S. 8-15, 18-19), Einheit und Differenzierung im Bildungssystem (Ausgabe 2, S. 41-42; Ausgabe 3, S. 10-12; Ausgabe 5, S. 27-29), Chancen und Versäumnisse wie Risiken und Nebenwirkungen der Digitalisierung (Ausgabe 1, S. 16-20; Ausgabe 2, S. 38-40), Infrastruktur (Ausgabe 4, S. 122-15), Ausdifferenzierung der Städte (Ausgabe 4, S. 16-18), Widerlegung der Gleichheits- und Gerechtigkeitsutopie (dazu fünf Texte in Ausgabe 5, S. 20-32, 34-37) sind weitere wichtige Themen.

Fundament

Hier werden grundlegende Fragen und Positionen der ökonomischen Theorie vorgestellt. Es werden wichtige Theoretiker kurz und durchaus auch kritisch präsentiert: Hannah Arendt (Ausgabe 1, S. 28—29), Friedrich August von Hayek (Ausgabe 1, S. 37-39), Constantin Frantz (Ausgabe 2, S. 26-27), Friedrich List (Ebd., S. 30-32), Karl Marx (Ausgabe 3, S. 29), Wilhelm Röpke (Ebd., S. 37-39), Rolf Peter Sieferle (Ebd., S. 40-43), Ludwig von Mises (Ausgabe 5, S. 44-46), Joseph Schumpeter (Ausgabe 6, S. 48-50).

Mit den Hauptbeiträgen zu dieser Rubrik werden aktuell-grundlegende wirtschaftstheoretische Ansätze präsentiert u.a. zu Herrschaft oder Konsum (Ausgabe 1, S. 24-27), Wirtschaft und Gerechtigkeit (Ebd., S. 34-36), Ordnungsstaat oder Ordnungspolitik (Ausgabe 2, S. 28-29), Wirtschaft als Selbstzweck der Moderne (Ausgabe 3, S. 22-24), Ökologischer als die Grünen (Ebd., S. 25-28), europäische Lösungen und Probleme (Ausgabe 4, S. 36-39), offene Gesellschaft und Krisen (Ausgabe 5, S. 47), Absolutismus und Bürokratie (Ebd., S. 48-49), Tugenden und Werte (Ausgabe 6, S. 23-25), Bruttosozialprodukt und Gemeinschaftsleistung (Ebd., S. 26-29), gesellschaftliche Umverteilung und Cantillon-Effekt (Ebd., S. 30-33), Brexit (Ebd., S. 34-35).

Mit dem leicht aktualisierten Neuabdruck eines Textes zu Ökonomie und Menschenrechte (Ausgabe 3, S. 30-36), der anläßlich des 200. Jahrestages der französischen Erklärung der Menschenrechte 1989 in der DDR-Opposition entstanden war, soll angeregt werden, eine wirtschaftstheoretische Debatte nachzuholen, die 1989/90 ausgefallen ist.

Eine Studie des Vereins Journalismus und Wissenschaft Chemnitz e.V. wird in der Ausgabe 6 (S. 6-19) vorgestellt: Deutschlands „Problemzonen“.

Betrieb

Zum Anspruch, „Patriotismus, Nachhaltigkeit, ökonomische Vernunft und persönliche erlebbare Solidarität … im Alltag (zu) verankern“ (Ausgabe 1, S. 3), um „mehr Verortung, Selbstbestimmung und Freiheit (zu) erreichen“ (Ausgabe 2, S. 3) gehört natürlich, die Attitüde des theoretischen Überfliegers zu verlassen und sich den lokalen Wirklichkeit zuzuwenden. Das geschieht unter anderem mit Beiträgen zu Amazons Steuersubventionierung (Ausgabe 1, S. 23), Pflanzenabfall statt Plastikmüll (Ebd., S. 30-33), zur Zukunft des Obst- und Gemüsehandels (Ebd., S. 40-42), zu Personalführung und betriebliche Hierarchie (Ausgabe 2, S. 6-8), zu einer Nähmanufaktur (Ebd., S. 14-15), zur Frankfurter Tafel (Ebd., S. 18-20), über sinnlose Jobs (Ausgabe 3, S. 44), Nachbarschaftshilfe (Ebd., S. 45), zu einer Schneiderei im Unperfekt (Ebd., S. 46-50), zur Zukunft der Fleischwirtschaft (Ebd., S. 50-51), zur Waldwirtschaft (Ausgabe 4, S. 26-28), zum deutschen Handwerk: eine Meisterleistung (Ausgabe 6, S. 36-41), über grüne Energie Atomkraft (Ebd., S. 42-47).

Eine Studie der „Denkfabrik für Wirtschaftskultur“ des Verein Journalismus und Wissenschaft Chemnitz e.V. wird im Ausgabe 5 (S. 8-20) vorgestellt: „Die großen Gleichmacher“ untersucht und bewertet das soziale Engagement von zehn DAX-Konzernen und kommt zu dem Ergebnis, „keiner der untersuchten DAX-Konzerne kann den Erfolg der eigenen Gleichstellungspolitik belegen. […] Auch wenn alle DAX-Konzerne in irgendeiner Weise die Förderung von ‚Gleichheit‘ betonen, gibt es signifikante Unterschiede in ihrer CSR-Strategie. Unternehmen wie Bayer oder Continental lassen sich nur sehr wenig von der politischen Korrektheit leiten. Andere Unternehmen hingegen haben außer Lippenbekenntnissen zu Klimaschutz, Flüchtlingen und Gleichstellung von sexuellen Minderheiten überhaupt nichts zu bieten. Anspruch und Wirklichkeit bei der Integration klaffen auseinander.“ (Ebd., S. 19)

Von den in diesen sechs Heften behandelten Themen sind hier nicht alle aufgelistet und natürlich werden weitere hinzukommen. Inzwischen sind weitere Hefte bis Februar 2020 geplant. Interessante Buchbesprechungen und Interviews sind den Rubriken jeweils zugeordnet. Am Ende jedes Heftes gibt es jeweils eine Seite weiterführender Literaturhinweise. Ab dem Heft 4 werden auch Leserzuschriften veröffentlicht. Bemerkenswert ist dabei ein kleines Detail: Die Zuschriften erscheinen nicht gesondert als Leserbriefe rubriziert, sondern sie werden den thematischen Rubriken (in diesem Fall Fundament S. 40-41) zugeordnet und erscheinen auch jeweils mit eigenem Titel im Inhaltsverzeichnis (S. 5). Das deutet darauf hin, daß die Redaktion und die Autoren der Zeitschrift mit ihren Lesern „auf gleicher Augenhöhe“ kommunizieren möchten.

Die „Denkfabrik für Wirtschaftskultur“ firmiert als Verein Journalismus und Wissenschaft Chemnitz e.V., residiert in Dresden (Der Vermieter hat kürzlich dem Büro wegen linksradikaler Angriffe gekündigt: Der dritte Umzug des Vereins innerhalb von fünf Jahren.) und betreibt ergänzend zur Zeitschrift eine Internetseite und einen Facebookaccount.

Eine Studie der Denkfabrik Fachkräftesicherung ohne Masseneinwanderung ist beim Institut für Staatspolitik erschienen. Sie zeigt, daß bis 2050 die angebliche Lücke von 15 Millionen Fachkräften durch einen Umbau des Sozialstaates, einen neuen Generationenvertrag, den Zuzug einiger ausländischer Hochqualifizierter sowie ein gründliches Entrümpeln bei Unternehmen geschlossen werden kann.

[1] Der Vorwurf an die Politik ist im Mittelschichtsbericht sehr verhalten und indirekt formuliert. Deutlicher werden die Meldungen in den Medien dazu, z.B.: Mittelstand kritisiert Wirtschaftsminister Altmaier.

[2] Dazu speziell Lothar W. Pawliczak: Die Vielfalt der Wirtschaftskulturen. In: Recherche D, Heft 4 | Februar 2019, S. 22-23.